Land in Sicht

Liedtexte

 

 

Stephan Jantzen, 17. Dezember 1873

Ich, Stephan Jantzen, Lotsenkommandeur von Warnemünde, geb' zu Protokoll:
Am 16. Dezember 1873 abends kurz vor acht kommt das Telegramm von Hannes Lau: 
"kleine yacht am heiligen damm gestrandet, zeigt notsignale -- bitte sofort kommen!"
Draußen tobte der Sturm und Schneeregen dazu. Ich hab das Boot und den Raketenapparat fertigmachen lassen; die Lotsenmannschaft war klar, aber wir hatten nicht genügend Pferde
für die beiden schweren Wagen. "Bi dit Wäder gäw ick mien Pierd nich rut!" hab ich von so manchem Warnemünder gehört, aber gegen halb zehn hatten wir acht davon zusammen,
und es konnte losgehen -- Richtung Doberan.

Refr.:
Jungs hollt juch fast, lat' den Neptun nich ran!
De Klock steiht up 10, un de Nurdwest, de jagt.
Wi kamen tau Hülp dörch den Storm gegenan,
hebben oft nauch uns Läben för Schipperlüd wagt.

In Doberan angelangt, kriegen wir die breiten Wagen nicht durch das kleine Stadttor.
Doch finden sich schnell zwei Leute, die uns helfen -- und es kann weitergehen zum
Heiligen Damm.
Kurz vor eins in der Nacht sind wir dann am Strand. Der Sturm heult wie die Seele
in der Hölle und tobt mit einer solchen Wucht, dass es uns fast umwirft. Draußen auf See, --
die Wellen gehen vier, fünf Meter hoch -- ist nichts zu sehen.
Doch dann auf einmal von weit weg ein Ruf: --  HJELP US !  HJELP US ! --  Helft uns!     
Ich will gleich das Boot zu Wasser lassen, aber kein anderer ist bereit dazu. Die Männer
wollen noch abwarten bis zur Morgendämmerung, sonst sei es zu gefährlich und fast der
sichere Tod!  -----------
Wir haben dann ein großes Feuer angezündet am Strand -- als Zeichen für die Leute da draußen.

Refr.:
Jungs hollt juch fast, lat' den Neptun nich ran!
De Klock steiht up 10, un de Nurdwest, de jagt.
Wi kamen tau Hülp dörch den Storm gegenan,
hebben oft nauch uns Läben för Schipperlüd wagt.

Als dann das erste Licht hinter dem Horizont hervorkommt, sind da zwei Leute zu sehen, hundertfünfzig Meter vom Strand entfernt. Sie haben sich an den Mast ihres Schiffes
gebunden, um nicht in die See zu fallen.
Wir haben gleich versucht, Raketen hinüber zu schießen -- die fünf, die wir mitgenommen
hatten, waren bald weg -- und so musste mein Sohn nach Warnemünde zurück, um die ganze Reserve zu holen.
Am Tage nahm der Sturm noch zu, da war nichts zu machen mit dem Boot, bis am
Nachmittag mein Sohn aus Warnemünde zurückkommt mit dem ganzen Wagen voller Raketen.
Siebzehn mal haben wir es versucht, bis die Leine endlich am Schiff fest war.

Refr.:
Jungs hollt juch fast, lat' den Neptun nich ran!
De Klock steiht up 10, un de Nurdwest, de jagt.
Wi kamen tau Hülp dörch den Storm gegenan,
hebben oft nauch uns Läben för Schipperlüd wagt.

Als es schon schummrig wird, geht das Boot endlich auf die See.
Eine Teufelsfahrt! Beim Schiff angelangt, fällt zwar einer ins Wasser, doch wir holen ihn wieder raus -- aber auf dem Rückweg zur Küste nimmt uns die See drei Mann mit mal aus dem Boot.
Den einen kann ich sofort greifen, aber die anderen sind nicht mehr zu sehen. Sie tauchen kurze Zeit später auf der Leeseite des Bootes wieder auf, und wir kön¬nen sie in letzter Sekunde packen.
Zu allem Unglück wirft die Brandung das Boot auf einen großen Stein, dreißig Meter vor dem Strand. Das Boot schlägt Leck -- doch die See wirft uns noch alle an den Strand.
Die beiden Dänen haben geweint und gebetet, als sie auf festem Boden standen. -- 
Ja, wir sind dann am Abend wieder nach Warnemünde zurück¬gekehrt. Man hat mich dort
aus dem Wagen heben müssen -- war für nichts mehr zu gebrauchen!
So ist das gewesen an diesem 17. Dezember.  Immer wenn ich an den Heiligen Damm komme, an diese Stelle, ist es, als wenn die Bäume am Strand das gleiche Lied singen:

Refr.:
Jungs hollt juch fast, lat' den Neptun nich ran!
De Klock steiht up 10, un de Nurdwest, de jagt.
Wi kamen tau Hülp dörch den Storm gegenan,
hebben oft nauch uns Läben för Schipperlüd wagt.

Text und Musik: Wolfgang Rieck

Leuchtturmliebe

Die Leuchttürme von Warnemünde und Gedser,
die lieben sich lang schon so sehr.
Sie können zusammen nicht kommen;
dazwischen liegt ja das Meer.
Willi, der Große und Gerda, die Schlanke,
so werden die beiden genannt.
Er kommt aus Deutschland, sie, eine Dänin,
so stehn sie am Ostseestrand.

Vor fast hundert Jahren in einer Herbstnacht,
da blinkte der Willi ihr zu:
--Kann dich gut leiden, stop, möchte dich treffen,
mein liebster Leutturm bist du -- !
Und Gerda, der Schlanken, wurd’s warm ums Herze.
Sie blinkte zurück – komm zu mir!
Ich hab mich verliebt in deine Lichter,
ich wäre für dich eine Zier.

Er rüttelte, wackelte,ächzte, und stöhnte,
die See und der Sturm halfen mit.
So sehr er auch wollte, so sehr er sich mühte,
gelang ihm kein einziger Schritt.
Was sollte nun werden, wohin mit der Sehnsucht ?
Den beiden blieb schließlich nur noch:
Ein zärtliches Blinklicht zur nächtlichen Stunde
Und die Hoffnung vielleicht geht’s ja doch.

Und kommt manchmal Nebel, dann bringt auch der Fährmann
Zwei Briefe schon mal übers Meer.
Darauf freun sich Willi und Gerda besonders.
Drin steht: Ich vermisse dich sehr !
Die Leuchttürme von Warnemünde und Gedser,
die lieben sich lang schon so sehr.
Sie können zusammen nicht kommen;
dazwischen liegt ja das Meer.

Text und Musik: Wolfgang Rieck

Von der Meerjungfrau

Die Meerjungfrau Maritima
lebt dicht bei den Kanaren
im Atlantischen Ozean.
Es strahlt aus ihren Haaren
ein goldner Schimmer, der schon oft
die Seeleute betörte
und der die Ruhe manchen Schiffs,
der Mannschaft Stolz zerstörte.

Mit ihrer Schönheit, unerreicht
verwirrt sie die Matrosen,
und weil ein jeder sie gern hätt’,
versucht man ’s auszulosen.
Und wem das Glück dann hold, der glaubt:
nichts Schön’res kann es geben.
Auf hoher See steigt er von Bord,
um nur zu ihr zu streben.

Da rudert er so schnell er kann,
will an sein Herz sie drücken,
je flinker auch das Boot noch schießt,
scheint mehr sie zu entrücken;
und winkt ihm lachend zu, dem Tor,
bis sie dann ganz verschwunden.
Den Unglücksmaat hernach jedoch
hat man nie mehr gefunden.

Und jedem, den dies Schicksal trifft,
will er nicht ewig treiben
im großen, wilden Ozean,
stellt sie es frei zu bleiben.
Auf ihrer Insel, ihrem Reich
muß er dann fortan dienen.
Es leben dort zur Zeit wohl an
neun Meerjungfraublondinen.

Mit sechsundneunzig Seeleuten
sind sie nun schon umgeben
und jeden Monat rettet so
erneut einer sein Leben.
Die müssen sich fürs täglich’ Brot
zum Wohl der Schönen plagen
und dürfen keinen Augenblick
ihr bitt’res Los beklagen.

Die Meerjungfrau Maritima
lebt dicht bei den Kanaren
im Atlantischen Ozean,
es strahlt aus ihren Haaren
ein goldner Schimmer, der verführt
der jeden muß verblenden,
drum hüte sich ein Seemann auch
den Blick drauf  zu verschwenden!

Text u. Musik: Wolfgang Rieck